Nachts ein Collier, tagsüber ein Garten: Mardin Reiseführer 2026: Steinvillen, Deyrulzafaran, Midyat-Filigran und Dara
Erbaut an den steilen Hängen eines Kalksteinfelsens über dem endlosen Horizont der mesopotamischen Tiefebene, gleicht Mardin einem lebendigen Märchen aus goldgelbem Quaderstein. Im Orient berühmt als „tagsüber ein blühender Garten, nachts ein funkelndes Diamant-Collier“, gilt diese geschichtsträchtige Metropole seit Jahrtausenden als Leuchtturm des friedlichen Zusammenlebens von Religionen, Sprachen und Völkern.
Von den meisterhaften islamischen Medresen der Artuqiden über die ehrwürdigen Klöster des Tur Abdin bis hin zu den monumentalen römischen Zisternen von Dara und den filigranen Silberschmiedewerkstätten von Midyat – Mardin entführt Reisende in eine Welt jenseits der Zeit. Hier finden Sie alle Geheimnisse für Ihre Reise 2026.
1. Syrisch-Orthodoxes Kloster Deyrulzafaran: 16 Jahrhunderte Spiritualität über einem antiken Sonnentempel
Nur 5 Kilometer südöstlich von Mardin in einem stillen Tal gelegen, wurde das Kloster Deyrulzafaran (Safrankloster) im 5. Jahrhundert gegründet. Über 640 Jahre lang – bis 1932 – war es der offizielle Sitz des Patriarchen der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien. Das Kloster ruht auf den monumentalen Fundamenten eines 4000 Jahre alten heidnischen Sonnentempels, dessen mörtellose Gewölbeblöcke noch heute die Schwerkraft herausfordern.
Benannt nach dem wilden Safran, der die umliegenden Berghänge ziert, umfasst die Anlage die Mor-Hananyo-Kirche, die Marienkapelle, die Gruft der Heiligen (in der 52 Patriarchen aufrecht sitzend in Wandnischen beigesetzt sind) und die historische Druckerei aus dem 18. Jahrhundert.
- Lage: Bezirk Artuklu, Deyrulzafaran-Straße (5 km vom Zentrum).
- Öffnungszeiten: Täglich 09:00 - 17:00 Uhr (Mittagspause 12:00 - 13:00 Uhr geschlossen).
- Führungen: Die Besichtigung erfolgt ausschließlich in geführten Gruppen mit Klostermönchen.
- Kleiderordnung: Da es sich um ein aktives Kloster handelt, ist angemessene Kleidung (Knie und Schultern bedeckt) obligatorisch.
2. Kasimiye-Medrese & Das philosophische Lebensbecken: Stein und Wasser im Einklang
Im 15. Jahrhundert unter den Aq Qoyunlu vollendet, war die Kasimiye-Medrese ein berühmtes Wissenschaftszentrum für Medizin und Astronomie. Berühmt ist sie für ihr tiefgründiges Wasserkonzept im südlichen Iwan.
Aus einer Wandöffnung quellendes Wasser versinnbildlicht den Kreislauf des menschlichen Daseins: Der winzige Quellaustritt steht für die Geburt; die erste schmale Rinne für die Kindheit; der sich erweiternde Kanal für die stürmische Jugend; die verlangsamte Strömung für das Alter. Das große Wasserbecken symbolisiert das Jüngste Gericht, während der Abfluss in die Ebene an die Ewigkeit erinnert.
3. Zinciriye-Medrese (Sultan Isa): Gerippte Doppelkuppeln und mesopotamische Sonnenuntergänge
Unmittelbar unterhalb der steilen Burgklippen gelegen, wurde die Zinciriye-Medrese 1385 vom Artuqiden-Sultan Melik Isa erbaut. Mit ihren gerippten Steinzwillingskuppeln prägt sie das Stadtbild wie kein anderes Bauwerk.
Die terrassierten Höfe und die Aussichtsplattform bieten das schönste Panorama der Region, wenn die untergehende Sonne die ockerfarbenen Steine in feuriges Rot taucht.
4. Antike Stadt Dara & Unterirdische Riesenzisternen: Roms Grenzfestung
30 Kilometer südöstlich von Mardin gründete der oströmische Kaiser Anastasius I. im Jahr 505 n. Chr. die Festungsstadt Dara als Bollwerk gegen das persische Sasanidenreich. Mit 4 Kilometern Stadtmauern und Gräberfeldern wird sie als „Ephesos Mesopotamiens“ gerühmt.
Höhepunkt der Ingenieurskunst sind die in den massiven Fels gehauenen Zisternen, im Volksmund „Der Kerker“ (Zindan) genannt. Mit einer Tiefe von 40 Metern und gigantischen Steinpfeilern speicherten sie Trinkwasser für monatelange Belagerungen.
- Anreise: Über die Fernstraße Mardin-Nusaybin (8 km asphaltierte Abzweigung).
- Eintritt: Das Freigelände ist unter Aufsicht des Ministeriums frei zugänglich.
- Sehenswert: Zisternen, Felsnekropole, Aquädukte und die Agora.
- Empfehlung: Die Zisterne ist auch im Hochsommer angenehm kühl; festes Schuhwerk ratsam.
5. Große Moschee von Mardin (Ulu Camii): Das 850 Jahre alte Artuqiden-Wahrzeichen
Mitten im Basarviertel erhebt sich die Große Moschee von Mardin, erbaut 1176 unter Kutbeddin Ilgazi. Mit ihrer gerippten Kuppel und dem zylindrischen Minarett (erneuert 1888) überragt sie die Altstadt.
In ihrem Inneren hütet die Moschee eine Reliquie des Prophetenbartes. Der schattige Arkadenhof strahlt eine tiefe historische Ruhe aus.
6. Historische Burg von Mardin (Das Adlernest)
Auf dem 1200 Meter hohen Kalksteingipfel thront die Burg von Mardin, genannt „Adlernest“. Seit dem 10. Jahrhundert trotzte sie Belagerungen und galt selbst für Tamerlane als unbezwingbar.
Obwohl das Innere als militärische Radarstation für Besucher geschlossen ist, bieten die Wege darunter unvergleichliche Blicke auf die kaskadenartigen Steinvillen.
7. Historisches Gästehaus von Midyat (Sila-Palast): Dreistöckige Steinmetzkunst
60 Kilometer östlich von Mardin liegt Midyat, berühmt für das Historische Gästehaus (Sila-Palast). Aus dem ockerfarbenen Nahit-Stein gemeißelt, diente der Palast als Kulisse zahlreicher TV-Produktionen.
Von der Dachterrasse überblickt man die Glockentürme und Minarette Midyats. Im nahegelegenen Gelüske Han kann man Silberschmieden bei der Filigranarbeit zusehen.
8. Kloster Mor Gabriel (Deyrulumur, 397 n. Chr.): Das spirituelle Herz des Tur Abdin
23 Kilometer östlich von Midyat liegt das Kloster Mor Gabriel, gegründet im Jahr 397 n. Chr. Es ist älter als die kirchlichen Monumente Roms und das geistige Zentrum der syrischen Christenheit.
Reich beschenkt von römischen Kaisern, birgt es spätantike Goldmosaike, die Kuppel der Theodora und Gruftanlagen tausender Heiliger. Noch heute wird hier die aramäische Liturgiesprache gepflegt.
9. Marienkirche in Anitli (Dorf Hah): Das Kuppelwunder des Tur Abdin
Im Dorf Anitli (antikes Hah) steht die Marienkirche. Der Legende nach brachten die Heiligen Drei Könige nach ihrer Rückkehr aus Bethlehem ein Tuch Jesu hierher, woraufhin diese Kirche gestiftet wurde.
Ihre achteckige Kuppel und die korinthischen Akanthuskapitelle machen sie zu einem Kleinod frühchristlicher Architektur.
10. Historisches Steindorf Kafro (Elbegendi): Renaissance syrischer Baukunst
Am Fuße des Bagok-Gebirges liegt Kafro, ein Dorf, das von aus Westeuropa zurückgekehrten syrischen Familien wiederaufgebaut wurde.
Neben der Mor-Yakup-Kirche zieht vor allem die berühmte Steinofen-Pizzeria Gäste an, die italienische Backkunst mit regionalen Zutaten und syrischem Wein verbindet.
Stadtgefüge: Das Geheimnis der Abbaras, Filigrankunst und Spezialitäten
Die faszinierendsten architektonischen Elemente Mardins sind die Abbaras – gewölbte Durchgänge unter den Steinhäusern. Sie sorgten dafür, dass kein Nachbar dem anderen Licht oder Aussicht nahm, und bieten im heißen Sommer kühlen Schatten.
- Mardin-Teller: Sembusek (überbackene Fleischtaschen), Kibe (gefüllter Pansen) und Irok (knusprige Bulgurbällchen).
- Kaburga Dolmasi: Fünf Stunden im Lehmofen geschmorte Lammrippe, gefüllt mit Mandeln und Duftreis.
- Blaue Mandelbonbons: Mit natürlichen Kräutern indigoblau gefärbte Mandelspezialität.
- Syrischer Klosterwein: Traditionell gekelterter Wein aus Boğazkere-Trauben mit wilden Mahlep-Kirschkernen verfeinert.
- Telkari-Silberschmuck: Aus 0,2 mm dünnem Silberdraht gewobene filigrane Schmuckstücke aus Midyat.
Die perfekte 3-Tage-Reiseroute für Mardin, Midyat & Dara
- Vormittag: Führung durch die Kasimiye-Medrese und das Lebensbecken.
- Mittagessen: Sembusek und regionale Spezialitäten in der Altstadt.
- Nachmittag: Besuch der Großen Moschee, des Sakıp-Sabancı-Museums und Spaziergang durch die Abbaras.
- Abend: Sonnenuntergang an der Zinciriye-Medrese, danach festliches Abendessen in einem historischen Hofpalais.
- Vormittag: Ausflug zum Kloster Deyrulzafaran, Besichtigung des Sonnentempels.
- Mittagessen: Weiterfahrt nach Dara, Erkundung der Riesenzisterne und Felsengräber.
- Nachmittag: Kırklar-Kirche und Latifiye-Moschee in Mardin.
- Abend: Dibek-Kaffee und syrischer Wein auf einer Dachterrasse.
- Vormittag: Fahrt nach Midyat, Ausblick vom Dach des Sıla-Gästehauses.
- Mittagessen: Bummel durch die Silberschmiedegassen im Gelüske Han.
- Nachmittag: Besichtigung des 1600 Jahre alten Klosters Mor Gabriel, danach Pizza-Pause in Kafro.
- Spätnachmittag: Marienkirche in Hah vor der Rückkehr.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Reise nach Mardin
- Wann ist die beste Reisezeit? Frühling (April-Mai) und Herbst (September-November) bei 20-25°C. Im Sommer herrschen oft über 40°C.
- Wie lange fährt man von Mardin nach Midyat? Für die 60 km lange Strecke benötigt man mit Auto oder Minibus rund 50 Minuten.
- Gilt die Müzekart? Im Mardin-Museum und in Dara gilt die Müzekart; Klöster verlangen ein kleines Stiftungsticket.
- Wie gelange ich vom Flughafen in die Stadt? HAVAŞ-Busse verbinden den Flughafen Mardin in ca. 20 Minuten mit dem Stadtzentrum.
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