Silifke Reiseführer: Cennet-Cehennem Dolinen, Narlıkuyu, Uzuncaburç & Tisan-Bucht
Wo die waldreichen Hänge des Taurusgebirges auf das türkisblaue Wasser des Mittelmeers treffen, im Herzen des antiken Rauen Kilikien (Kilikia Tracheia), liegt Silifke (Seleukeia ad Calycadnum) – ein faszinierendes Freilichtmuseum, in dem atemberaubende Naturwunder und jahrtausendealte Hochkulturen miteinander verschmelzen. Weltberühmt für die gigantischen Karsttrichter Cennet und Cehennem (Himmel und Hölle), die mythologische Höhle des hundertköpfigen Drachen Typhon, das monumentale hellenistische Heiligtum Uzuncaburç (Diokaesareia) und die Doppelbucht der Tisan-Halbinsel, gehört Silifke zu den eindrucksvollsten Reisezielen der Türkei.
Gegründet zu Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. von Seleukos I. Nikator, einem Feldherrn Alexanders des Großen, blickt die Stadt auf eine vielschichtige Geschichte zurück. Sie beherbergt die Höhlenpilgerstätte der Heiligen Thekla – der ersten christlichen Märtyrerin –, die kühlen Karstquellen von Narlıkuyu und das artenreiche Göksu-Delta mit seinen rosa Flamingos.
1. Karsttrichter Cennet (Himmel) & Marienkirche (452-Stufen-Abstieg)
Über Jahrmillionen durch unterirdische Wasserläufe im Kalksteinplateau ausgewaschen, stürzte die Decke ein und schuf den gigantischen Karsttrichter Cennet (Himmels-Doline): 70 Meter tief, 250 Meter lang und 110 Meter breit. Über 452 antike Stufen aus römischer und byzantinischer Zeit (oder mit einem modernen Panoramaaufzug) gelangt man hinab in die tropisch anmutende, von Farnen überwucherte Tiefe.
Am Boden vor dem gewaltigen Höhlenschlund steht die im 5. Jahrhundert von einem gläubigen Christen namens Paulus erbaute Kirche der Jungfrau Maria. Hinter der Apsis hallt das Rauschen eines reißenden unterirdischen Flusses durch die finstere Höhle – ganz wie der mythologische Unterweltsfluss Styx.
- Abstieg & Aufstieg: Die 452 Steinstufen sind gut begehbar, der Wiederaufstieg erfordert jedoch Ausdauer. Für mobilitätseingeschränkte Gäste steht ein Glasaufzug bereit.
- Unterirdischer Fluss: Der am Höhlenboden fließende Strom tritt in der Bucht von Narlıkuyu als eiskalte Süßwasserquelle ins Meer aus.
- Museumspass: Müzekart gültig; ganzjährig geöffnet.
2. Karsttrichter Cehennem (Hölle) & Glasplattform (Typhon-Abgrund)
Nur 75 Meter nördlich von Cennet gähnt der furchterregende Karsttrichter Cehennem (Höllen-Doline), der 128 Meter senkrecht in die Tiefe stürzt. Wegen seiner überhängenden, konkaven Felswände ist der Grund für Menschen zu Fuß unzugänglich. Der griechischen Mythologie nach sperrte Göttervater Zeus hier das feuerspeiende Ungeheuer Typhon ein, bevor er es endgültig unter den Ätna verbannte.
Eine spektakuläre gläserne Aussichtsplattform ragt weit über den 128 Meter tiefen Abgrund hinaus und bietet Wagemutigen das Gefühl, über dem bodenlosen Schlund zu schweben.
- Mythologische Sage: Der legendäre Schauplatz des Kampfes zwischen Zeus und dem Riesen Typhon.
- Glasplattform-Sicherheit: Aus speziellem Verbundsicherheitsglas konstruiert; Überschuhe vor dem Betreten erforderlich.
- Kein Fußabstieg: Wegen der überhängenden Steilwand ist ein Abstieg streng untersagt und unmöglich.
3. Asthma-Höhle (Astım Mağarası) & Heilkräftige Tropfsteingalerien
Etwa 600 Meter westlich der Einsturzdolinen führt eine eiserne Wendeltreppe 15 Meter tief hinab in die zauberhafte Asthma-Höhle (Astım Mağarası / Dilek Mağarası). Die verzweigten Hallen sind über und über mit Tausenden von Stalaktiten, Stalagmiten und Sinterfahnen geschmückt, die in Jahrtausenden herangewachsen sind.
Mit einer konstanten Jahrestemperatur von 15 °C und einer Luftfeuchtigkeit von über 85 % gilt das Höhlenklima als wohltuend für Menschen mit Atemwegserkrankungen. An den umstehenden Sträuchern binden Einheimische Stoffstreifen fest, weshalb die Höhle im Volksmund auch 'Wunschhöhle' genannt wird.
- Höhlenklima: Konstant 15 °C kühl; eine leichte Jacke ist beim Abstieg im Sommer ratsam.
- Rutschgefahr: Die befestigten Wege sind feucht; trittsicheres Schuhwerk mit Profil ist wichtig.
- Farbspiel: Eine dezente LED-Beleuchtung bringt die mineralischen Kristallstrukturen wunderbar zur Geltung.
4. Bucht von Narlıkuyu & Mosaikmuseum der Drei Grazien (Poimenios-Bad)
Wo der unterirdische Süßwasserstrom der Cennet-Doline durch submarine Quellen ins Meer mündet, liegt die smaragdgrüne Bucht von Narlıkuyu. Das Meerwasser vermischt sich hier mit eiskaltem Bergquellwasser, was ein einzigartiges Badegefühl erzeugt. Direkt am Hafen schützt das Mosaikmuseum Narlıkuyu den Fußboden eines römischen Badehauses aus dem 4. Jahrhundert n. Chr.
Das weltberühmte Mosaik zeigt die Drei Grazien (Aglaia, Thalia und Euphrosyne), die Göttinnen der Schönheit und Anmut, beim Reigentanz. In den gemütlichen Hafenlokalen gehört fangfrischer Fisch mit Meerfenchel-Salat (Kaya Koruğu) zum festen Ritual.
- Kühles Meerwasser: Durch den Karstzufluss ist die obere Wasserschicht spürbar kühler und erfrischend.
- Mosaik-Inschrift: Eine griechische Weihung preist den Erbauer Poimenios, den treuen Freund der Kaiser.
- Fischrestaurants: Die Tavernen über dem Wasser sind berühmt für Zackenbarsch (Lagos) und frische Calamari.
5. Antike Stadt Uzuncaburç (Diokaesareia) & Zeus-Olbios-Tempel
30 Kilometer nördlich von Silifke auf einem 1.200 Meter hohen Hochplateau im Taurusgebirge thront Uzuncaburç (Diokaesareia), das bedeutendste sakrale Zentrum des Rauen Kilikien. Sein Herzstück, der Tempel des Zeus Olbios aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., beeindruckt mit dreißig aufrecht stehenden korinthischen Säulen und gilt als einer der besterhaltenen hellenistischen Tempel Anatoliens.
Den türkischen Namen ('Hoher Turm') verdankt der Ort dem 22 Meter hohen, fünfstöckigen hellenistischen Wehrturm. Mit Kolonnadenstraße, Tyche-Tempel, antikem Theater und Monumentaltoren wird Uzuncaburç zu Recht als das 'Ephesus von Kilikien' bezeichnet.
- Höhenlage: Auf 1.200 m Seehöhe gelegen; im Sommer eine wunderbar kühle Zuflucht vor der Küstenhitze.
- Herausragende Bauten: Zeus-Olbios-Tempel, 22 m hoher Wehrturm, Kolonnadenstraße und römisches Theater.
- UNESCO-Bedeutung: Eingetragen auf der Tentativliste des UNESCO-Weltkulturerbes.
6. Historische Burg von Silifke & Panoramablick auf das Göksu-Tal
Auf einem 185 Meter hohen Felssporn über der Stadt Silifke thront die Historische Burg von Silifke. Die monumentale Festung blickt auf Bauphasen der Antike, Byzanz, der Kreuzritter (Johanniter) und der Osmanen zurück. Umgeben von einem tiefen Felsgraben, verteidigten einst 23 massive Rund- und Mehreck-Türme die Stadt.
Nach aufwendiger Restaurierung eröffnet sich von den Burgmauern ein unvergleichlicher Panoramablick auf die Mäander des Göksu-Flusses, die antike römische Steinbrücke und die fruchtbare Küstenebene bis zum Mittelmeer.
- Fototipp: Der beste Aussichtspunkt für Panoramaaufnahmen der Göksu-Mündung und des Taurusgebirges.
- Zufahrt: Vom Stadtzentrum aus in nur 5 Autominuten über eine asphaltierte Straße bequem erreichbar.
- Geschichte: Im Innenhof wurden byzantinische Zisternen, Palastfundamente und Moscheereste freigelegt.
7. Boğsak-Bucht & Boğsak-Insel (Spiegelglatter Naturhafen)
Rund 10 Kilometer westlich von Taşucu liegt die Boğsak-Bucht, ein traumhaft friedlicher Naturhafen, der durch die vorgelagerte Boğsak-Insel vor Dünung und Wellenschlag geschützt wird. In der Spätantike ein wichtiger Flottenstützpunkt, birgt die Insel heute Überreste frühbyzantinischer Kirchen und Felsengräber.
Mit der Blauen Flagge für exzellente Wasserqualität ausgezeichnet, bleibt das glasklare Wasser hier selbst bei Seegang spiegelglatt. Ein Paradies für Taucher, Seekajakfahrer und Ruhesuchende.
- Wellenruhe: Die vorgelagerte Insel fungiert als natürlicher Wellenbrecher.
- Tauchsport: Hervorragende Sichtweiten unter Wasser machen Boğsak zum Zentrum für Tauchschulen.
- Gastlichkeit: Kleine Strandpensionen, gepflegte Campingplätze und traditionelle Fischtavernen.
8. Tisan-Halbinsel & Kleopatra-Bucht (Die weiße Perle Kilikiens)
Über eine kurvenreiche Panoramastraße von Yeşilovacık erreicht man die Tisan-Halbinsel, die mit ihren zwei Rücken an Rücken liegenden Buchten zu den schönsten Naturwundern der Türkei gehört. Der Legende nach schwamm hier Königin Kleopatra von Ägypten im weißen Sand der Kleopatra-Bucht.
Auf der Landenge liegen die Ruinen des antiken Aphrodisias von Kilikien (7. Jh. v. Chr.). Besucher spazieren zwischen antiken Säulen und frühchristlichen Mosaikböden direkt an den sanft plätschernden Wellen.
- Doppelbucht-Vorteil: Je nach Windrichtung ist stets eine der beiden Buchten vollkommen windgeschützt und ruhig.
- Freiliegende Mosaike: Geometrische Vogel- und Tiermosaike einer Basilika sind direkt am Strand sichtbar.
- Fahrhinweis: Die Serpentinenstraße bergab erfordert vorausschauendes Fahren, bietet aber grandiose Ausblicke.
9. Göksu-Delta & Vogelschutzgebiet Akgöl (Ramsar-Feuchtgebiet & Flamingos)
Dort, wo der Göksu-Fluss ins Mittelmeer mündet, erstreckt sich das 15.000 Hektar große Göksu-Delta. Als international geschütztes Ramsar-Feuchtgebiet sind die Lagunen Akgöl und Paradeniz ein Rast- und Brutparadies für über 330 Vogelarten.
Es ist eines der wichtigsten Refugien für das seltene Purpurhuhn, rosa Flamingos, Pelikane und Reiher. Zudem dienen die weiten Sandstrände als geschützte Eiablageplätze für die bedrohte Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta).
- Beobachtungstürme: Hölzerne Beobachtungsstände am Akgöl eignen sich perfekt für Teleobjektive und Ferngläser.
- Meeresschildkröten: Der Strand von Kumkuyu ist ein streng geschütztes Caretta-caretta-Brutgebiet.
- Beste Jahreszeit: Frühjahr und Herbst zur Zeit des internationalen Vogelzugs.
10. Höhlenpilgerstätte der Heiligen Thekla (Aya Tekla / Meryemlik)
Nur 4 Kilometer südlich des Stadtzentrums liegt Aya Tekla (Meryemlik), die heilige Höhlenstätte der Heiligen Thekla, der ersten weiblichen Märtyrerin der Christenheit und Schülerin des Apostels Paulus. Vor Verfolgung fliehend, fand Thekla in dieser Grotte Zuflucht, heilte Kranke und verkündete den Glauben.
Nach dem Mailänder Edikt von 313 n. Chr. wurde die Höhle in eine unterirdische Kirche umgewandelt; später ließ Kaiser Zenon darüber eine dreischiffige Basilika errichten. In der Spätantike war Meryemlik eine der berühmtesten Pilgerstationen auf dem Weg nach Jerusalem.
- Religiöse Bedeutung: Grotte der ersten christlichen Heiligen Thekla und frühchristlicher Hauptwallfahrtsort.
- Ruinen: Unterirdische Felsenkirche, Apsis der Zenon-Basilika, Taufbecken und antike Zisternen.
- Eintritt: Kostenlos; nur wenige Autominuten vom Zentrum Silifkes entfernt.
Gastronomie in Silifke: Köstlichkeiten der Region
Die Küche Silifkes vereint die Hirtenkultur der nomadischen Yörük mit der reichen Ernte des Göksu-Deltas und den frischen Fängen des Mittelmeers:
- Silifke-Joghurt: Aus der gehaltvollen Milch von Ziegen und Schafen der kräuterreichen Taurus-Hochebenen gewonnen; berühmt für feste Konsistenz und feines Raucharoma.
- Batırık: Erfrischende kalte Sommerspeise aus feinem Bulgur, gerösteter Sesampaste (Tahin), Erdnüssen, Tomaten und frischer Minze; serviert auf Eiswürfeln mit knackigem Weißkohl.
- Yörük Sıkması: Noch ofenwarme, hauchdünne Fladenbrote, gefüllt mit pikantem Ziegenkäse, Butter und frischen Frühlingszwiebeln.
- Meeresfrüchte in Narlıkuyu & Taşucu: Im Steinofen gegarter weißer Zackenbarsch (Lagos), krosser Calamari und marinierter Felsenfenchel.
- Silifke-Erdbeeren & Kerebiç: Silifke ist das Herz des türkischen Freiland-Erdbeeranbaus. Als Dessert lockt Kerebiç – Grießgebäck mit Pistazien, gekrönt von schneeweißem Seifenkrautschaum.
Anreise nach Silifke: Verkehrsverbindungen
Silifke liegt direkt an der Mittelmeer-Küstenstraße D400, rund 85 Kilometer westlich von Mersin:
- Mit dem Flugzeug: Der neue internationale Großflughafen Çukurova (Tarsus/Mersin) liegt etwa 1 Stunde und 20 Minuten Autofahrt über die Autobahn entfernt; Shuttle-Busse (HAVAŞ) verkehren regelmäßig.
- Mit dem Bus / Auto: Minibusse und Überlandbusse fahren alle 15 Minuten vom Busbahnhof Mersin nach Silifke und Taşucu. Von Zentralanatolien (Ankara/Konya) führt die Strecke über den landschaftlich reizvollen Sertavul-Pass (1.650 m) direkt hinab nach Silifke.
- Fähre nach Nordzypern: Vom Hafen Taşucu in Silifke verkehren ganzjährig tägliche Autofähren und Schnellkatamarane nach Kyrenia (Girne).
Empfohlene 1-Tages-Reiseroute für Silifke
- 08:30 - 11:30 | Cennet-Cehennem & Asthma-Höhle: In der morgendlichen Frische die 452 Stufen nach Cennet hinabsteigen, die Marienkirche besichtigen, über den Glas-Skywalk blicken und die Tropfsteine der Asthma-Höhle bestaunen.
- 11:30 - 13:00 | Narlıkuyu-Bucht & Drei Grazien: Das antike Mosaik im römischen Badehaus bewundern und den Blick auf das türkisblaue Quellwasser genießen.
- 13:00 - 14:30 | Meeresfrüchte-Mittagessen in Narlıkuyu: Fangfrischen Fisch und kühlen Meerfenchel direkt über dem Wasser speisen.
- 14:30 - 17:00 | Uzuncaburç Antike Stadt: Hinauf ins Taurusgebirge fahren und den Zeus-Olbios-Tempel in erfrischender Höhenluft erkunden.
- 17:30 - 19:30 | Sonnenuntergang auf der Burg von Silifke: Den Tag auf den Zinnen der Burg beschließen und das goldene Licht über dem Göksu-Flussdelta festhalten.
Silifke verbindet die Urgewalt geologischer Felsabbrüche mit der Erhabenheit antiker Säulentempel, die Frische der Taurus-Hochebenen mit dem azurblauen Glanz des Mittelmeers. Eine Reise, die vom Abstieg in den Himmel bis zur Höhle des Typhon tiefe Eindrücke hinterlässt.



















