Eingebettet in die bewaldeten Hänge des Aydın-Gebirges, umgeben von Kiefern, Feigenhainen und uralten Olivenbäumen im Bezirk Selçuk der Provinz Izmir, gilt das Märchendorf Şirince als eines der bezauberndsten Bau- und Kulturdenkmäler der Ägäis. Einst unter dem Namen „Kırkınca“ bekannt und geschichtlich eng mit dem antiken Ephesos verbunden, fasziniert dieses versteckte Tal durch seine terrassenförmig angeordneten zweistöckigen, weiß getünchten Steinhäuser im neoklassizistischen Stil. Die Anlage ist so klug gewählt, dass kein Haus dem anderen das Licht oder die Aussicht auf das Tal nimmt. Mit der Gründung des international renommierten Nesin-Mathematikdorfes und der Theater-Medrese an den Hängen des Berges Kayser hat sich Şirince zudem zu einem Treffpunkt für Wissenschaft und Kunst gewandelt. Vom im Steinofen gebackenen Brot über langsam auf heißem Sand gebrauten türkischen Mokka bis hin zu handgemachten Fruchtweinen bietet dieser Ort eine wohltuende Auszeit für Geist und Gaumen.
Das Ägäis-Märchen: Was Şirince so unverwechselbar macht
Der Legende nach nannten die Bewohner ihr Dorf einst „Çirkince“ (was so viel wie „hässlich“ bedeutet), um Fremde von einer Ansiedlung abzuhalten und ihr Paradies zu verbergen. Als der Gouverneur von Izmir, Kazım Dirik, im Jahr 1926 das Dorf besuchte, war er von der Anmut so verzaubert, dass er ausrief: „Ein so lieblicher Ort darf nicht Çirkince heißen, er kann nur Şirince („der Reizende“) sein.“ Nach dem Bevölkerungsaustausch von 1923 zwischen Griechenland und der Türkei siedelten sich hier türkische Tabak- und Olivenbauern aus Thessaloniki, Kavala und Mazedonien an. Sie bewahrten die Steinhäuser, Weinkeller und historischen Kirchen ihrer früheren griechischen Nachbarn mit großer Sorgfalt.
In den letzten zwei Jahrzehnten erhielt Şirince durch das von Prof. Dr. Ali Nesin gegründete Nesin-Mathematikdorf und die benachbarte Theater-Medrese eine neue, tiefgründige Dimension. Befreit von starren Schulmauern und eingebettet in die Natur, entstand ein lebendiges Refugium, das Gelehrte, Studenten, Philosophen und Künstler aus aller Welt zusammenführt.
2-tägige Şirince & Selçuk Entdeckungsroute
- Fokus Tag 1: Kopfsteinpflastergassen von Şirince, Johannes-der-Täufer-Kirche & Wunschbecken, Mathematikdorf, Theater-Medrese, Sandkaffee und Hodri-Meydan-Aussichtsturm
- Fokus Tag 2: Historisches Zentrum Selçuk, Johannes-Basilika & Ayasuluk-Festung, İsa-Bey-Moschee, Byzantinische Aquädukte und das Haus der Mutter Maria
- Beste Reisezeit: April bis Juni sowie September bis November; im Frühling blühen die Mandelbäume, im Herbst leuchten die Weinberge
- Anreise & Tipps: 85 km südlich von Izmir (1 Stunde Fahrt). Vom Busbahnhof Selçuk verkehren alle 20 Minuten Minibusse direkt ins Dorf (10 Minuten)
Tag 1: Märchendorf Şirince, Tal des Denkens und Bohème-Gassen
1. Historisches griechisches Dorf Şirince und Steinvillen
Beim Betreten von Şirince empfängt den Besucher ein stimmungsvolles Amphitheater aus zweistöckigen neoklassizistischen Steinhäusern des 19. Jahrhunderts. Typisch sind die auskragenden Holzerker (Cumba), feine Schnitzereien an den Fensterläden, kalkweiße Bruchsteinmauern und rote Ziegeldächer. Bemerkenswert ist die städtebauliche Rücksichtnahme: Kein Gebäude verstellt dem Nachbarhaus das Sonnenlicht oder den Blick ins Tal. Ein Spaziergang über das grobe Kopfsteinpflaster, vorbei an Bougainvilleen, wilden Weinreben und duftenden Geranien, gleicht einer Reise in vergangene Zeiten.
Besuchertipps für die Steinhäuser von Şirince
- Baustil: Neoklassizistisches Bruchsteinmauerwerk mit hölzernen Erkern und traditionellem Kalkweiß
- Schuhwerk: Gassen sind steil und uneben; rutschfeste bequeme Wanderschuhe sind unbedingt ratsam
- Übernachten: Zahlreiche Villen wurden originalgetreu zu bezaubernden Boutique-Hotels restauriert
- Fototipp: Die Vormittagsstunden zwischen 08:30 und 10:30 Uhr vor Eintreffen der Tagesgäste bieten bestes Licht
2. Johannes-der-Täufer-Kirche und das Wunschbecken
Auf einer erhöhten Steinterrasse im Südwesten des Dorfes erhebt sich die Kirche Johannes des Täufers (Aziz John Baptist Kilisesi), eine monumentale Steinbasilika aus dem Jahr 1805. Auf dem weitläufigen gepflasterten Vorplatz befindet sich das berühmte Wunschbecken mit einer Marienstatue, in das Besucher Münzen werfen, während sie einen Wunsch äußern. Im Kircheninneren lassen sich ursprüngliche Marmorböden, Tonnengewölbe und Reste alter Wandmalereien bewundern. Im kühlen Kellergewölbe können Besucher zudem traditionelle Fruchtweine der Region verkosten.
Johannes-der-Täufer-Kirche Höhepunkte
- Baujahr: 1805 auf den Fundamenten einer älteren byzantinischen Kirche errichtet
- Sehenswertes: Gepflasterter Innenhof, Marien-Wunschbecken, Freskenfragmente und historischer Weinkeller
- Öffnungszeiten: Täglich geöffnet von 09:00 bis 19:00 Uhr
- Eintritt: Kostenlos; Spenden für den Erhalt des Bauwerks sind willkommen
3. Nesin-Mathematikdorf (Hänge des Berges Kayser)
Nur einen Kilometer außerhalb des Ortskerns, mitten in den Olivenhainen am Fuße des Berges Kayser gelegen, befindet sich das Nesin-Mathematikdorf (Nesin Matematik Köyü). Gegründet 2007 von dem bekannten Mathematiker Prof. Dr. Ali Nesin auf der Grundlage gemeinschaftlicher Solidarität (İmece), umfasst das Areal die Sevan-Nişanyan-Steinbibliothek, Freilicht-Amphitheater, schattige Hörsaal-Terrassen und Bruchsteinunterkünfte. Schüler und Spitzenforscher aus aller Welt vertiefen sich hier ohne Prüfungsdruck in reine Mathematik und Philosophie – ein einzigartiges Bildungsrefugium inmitten mediterraner Natur.
Besucherleitfaden Nesin-Mathematikdorf
- Gründer & Idee: 2007 von Prof. Dr. Ali Nesin für freies, selbstbestimmtes Denken im Einklang mit der Natur geschaffen
- Besondere Bauten: Sevan-Nişanyan-Bibliothek, antikisierendes Stein-Amphitheater, Philosophieplatz
- Besuchsregeln: Während der Vorlesungen und Seminare ist absolute Ruhe auf dem Campus einzuhalten
- Weg dorthin: 15 Gehminuten bergauf durch schattige Kiefernwälder oder 3 Autominuten ab Dorfmitte
4. Theater-Medrese Şirince (Tiyatro Medresesi)
Direkt neben dem Mathematikdorf liegt die Theater-Medrese, ein architektonisches Kunstwerk, das die Formsprache antiker griechischer Theater mit dem Innenhofkonzept traditioneller orientalischer Medresen vereint. Mit ihren säulengestützten Rundbogenarkaden, einer hölzernen Freilichtbühne, Arbeitsräumen und einer Bibliothek dient die Medrese Theaterschaffenden, Tänzern und Denkern als kreative Rückzugsstätte. An lauen Sommerabenden verleihen Freilichtaufführungen, Lesungen und Akustikkonzerte unter dem Sternenhimmel dem Ort eine unvergleichliche Atmosphäre.
Theater-Medrese Besucherhinweise
- Architektur: Klassischer Medrese-Hof mit behauenen Natursteinbögen, Holzgalerien und Open-Air-Bühne
- Aktivitäten: Schauspiel-Meisterkurse, Workshops für Körpertheater, Philosophieabende und Konzerte
- Besuchstipp: Der Hof kann tagsüber besichtigt werden; für Abendveranstaltungen im Sommer empfiehlt sich eine Voranmeldung
5. Historischer Basar von Şirince und Kaffee im heißen Sand
Zurück im Dorfzentrum pulsiert das Leben auf dem historischen Basar. Entlang der kopfsteingepflasterten Gassen bieten die Frauen des Dorfes handgefertigte Olivenölseifen, Lavendelsäckchen, hausgemachte Marmeladen, eingelegte Oliven und feine Handarbeiten an. Das kulinarische Herzstück ist der türkische Mokka, der langsam in heißem Sand gebraut wird (Kumda Türk Kahvesi). In Kupfertöpfchen gleichmäßig erhitzt, mit Mastixharz aromatisiert und zusammen mit gekühltem Holunderblütensirup (Mürver Şurubu) sowie Lokum serviert, ist dieser Genuss das Markenzeichen von Şirince.
Basar-Empfehlungen & Spezialitäten
- Sandkaffee-Ritual: Gleichmäßig auf glühendem Sand erhitzter Mokka mit dichter Crema und feiner Mastixnote
- Holunderblütensirup: Erfrischender traditioneller Sirup aus wilden weißen Holunderblüten des Tals
- Fruchtweine: Berühmte Obstweine mit Noten von Granatapfel, Maulbeere, Sauerkirsche, Pfirsich und Melone
- Naturprodukte: Kaltgepresstes natives Olivenöl extra, Lorbeerseifen und wilder Bergthymian
6. Hodri-Meydan-Aussichtsturm und Panoramaberg
Um den ersten Tag am höchsten Aussichtspunkt über dem Tal ausklingen zu lassen, lohnt sich der Aufstieg zum Hodri-Meydan-Turm auf dem nördlichen Hügelkamm. Dieser wehrhafte Steinturm erinnert an eine mittelalterliche Burgbastion und eröffnet einen grandiosen 360-Grad-Panoramablick über das gesamte Tal, die weißen Steinhäuser und die fernen Ägäisberge. Wenn das Abendlicht die Mauern in warme Gold- und Purpurtöne taucht, erlebt man den Zauber Şirinces in seiner reinsten Form.
Tag 2: Historisches Selçuk, Apostel Johannes und Heilige Stätten
7. Johannes-Basilika und Ayasuluk-Festung
Am zweiten Morgen führt der Weg hinab ins Zentrum von Selçuk auf den Ayasuluk-Hügel. Über der Begräbnisstätte des Apostels Johannes – dem Evangelisten und Lieblingsjünger Jesu – errichtete der byzantinische Kaiser Justinian im 6. Jahrhundert eine monumentale kreuzförmige Basilika mit sechs Kuppeln, die einst zu den bedeutendsten christlichen Pilgerzielen zählte. Gewaltige Marmorsäulen mit kaiserlichen Monogrammen, das Baptisterium und das Apostelgrab zeugen von einstiger Pracht. Direkt darüber krönt die mittelalterliche Ayasuluk-Festung mit ihren 15 Wehrtürmen und Zinnen den Hügel und beherrscht die weite Ebene von Ephesos.
Johannes-Basilika & Festung Ayasuluk Besucherdaten
- Bedeutung: Ruhestätte des Apostels Johannes; eine der größten Kuppelbasiliken des Byzantinischen Reiches
- Höhepunkte: Grabstätte des Evangelisten Johannes, justinianische Säulenkapitelle, Festungsringmauer und Zisternen
- Öffnungszeiten: Täglich von 08:30 bis 19:30 Uhr (im Winter bis 17:30 Uhr)
- Museumspass: Müzekart gültig; Kombitickets sind an der Kasse erhältlich
8. Historische İsa-Bey-Moschee (1375 - Aydınoğulları)
Am Westabhang des Ayasuluk-Hügels, zwischen der Johannes-Basilika und den Resten des Artemis-Tempels gelegen, verkörpert die İsa-Bey-Moschee ein Meisterwerk der anatolischen Fürstentümer-Zeit (Beyliks). Errichtet im Jahr 1375 von İsa Bey aus der Dynastie der Aydınoğulları nach Plänen des Damaszener Architekten Ali bin Dımışkî, beeindruckt der Sakralbau durch sein monumentales Portal mit seldschukischer Steinmetzkunst, zwei Kuppeln und einen weiten Säulenhof, dessen Marmorsäulen aus dem antiken Ephesos stammen. Im Schatten alter Zypressen verströmt dieser Hof tiefe Ruhe.
9. Byzantinische Aquädukte und Bahnhofsplatz Selçuk
Das Wahrzeichen des Stadtzentrums von Selçuk sind die Byzantinischen Aquädukte, die in frühbyzantinischer Zeit errichtet wurden, um frisches Quellwasser nach Ephesos und zur Festung zu leiten. Mit mächtigen Pfeilern und Ziegelbögen durchziehen sie die Innenstadt und dienen heute großen Storchenkolonien als traditioneller Nistplatz. In der gepflegten Parkanlage unter den Bögen zu sitzen, dem Klappern der Störche zu lauschen und den Alltag der Stadt zu beobachten, gehört zum unverzichtbaren Erlebnis in Selçuk.
10. Haus der Mutter Maria und Heilige Quelle (Panaya Kapulu - Bülbüldağı)
Die letzte und spirituell bedeutendste Station dieser Route liegt 9 Kilometer südlich von Selçuk, auf dem bewaldeten Gipfel des Berges Koressos (Bülbüldağı). Der christlichen Überlieferung zufolge brachte der Apostel Johannes die Muttergottes Maria nach der Kreuzigung Jesu nach Ephesos, wo sie ihre letzten Lebensjahre in dieser friedlichen Steinklause verbrachte. Das im 19. Jahrhundert anhand der Visionen der deutschen Nonne Anna Katharina Emmerick wiederentdeckte Kirchlein wurde von den Päpsten Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. offiziell als Wallfahrtsort gewürdigt. Pilger entzünden Kerzen, trinken von der dreiteiligen Heiligen Quelle und binden weiße Gebetsbänder an die berühmte Wunschmauer.
Haus der Mutter Maria Besucherleitfaden
- Lage & Höhe: 9 km südlich von Selçuk auf dem Gipfel des Bülbüldağı in rund 420 Metern Höhe
- Bedeutung: Offizieller katholischer und orthodoxer Wallfahrtsort; von drei Päpsten persönlich besucht
- Besondere Orte: Steinkapelle mit Altar, Heilige Quelle mit drei Brunnen und die weltbekannte Wunschmauer
- Öffnungszeiten: Sommer: 08:30 bis 18:00 Uhr; Winter: 08:30 bis 17:00 Uhr
Praktische Reisetipps für Şirince und Selçuk
Kulinarische Höhepunkte: Was man probieren sollte
Die Küche von Şirince und Selçuk vereint frische Wildkräuter, reines Olivenöl und die reichen Erträge der Obstgärten:
- Mürver Şurubu (Holunderblütensirup): Das traditionsreiche Erfrischungsgetränk aus wilden Holunderblüten mit dezenten Zitrus- und Honignoten.
- Kaffee im heißen Sand: Türkischer Mokka, der schonend auf glühendem Sand mit Mastixharz zubereitet wird.
- Gözleme mit Kräutern: Hauchdünne Teigfladen, gefüllt mit wilden Brennnesseln, Spinat, Lauch und Lor-Käse, frisch auf dem Blech gebacken.
- Selçuk Çöp Şiş: Zarte Lammfleischspieße, serviert mit warmem Fladenbrot und gegrillten Paprikaschoten in traditionellen Restaurants.
- Şirince-Fruchtweine: Aromatisierte Spezialitätenweine aus Granatapfel, Brombeere, Sauerkirsche, Maulbeere und Melone.
Anreise und Übernachtungstipps
Vom Flughafen Izmir Adnan Menderes fährt der Vorortzug İZBAN in circa 50 Minuten direkt zum Bahnhof Selçuk. Dort nimmt man alle 20 Minuten einen Minibus nach Şirince (Fahrtzeit 10 Minuten über eine kurvenreiche Panoramastraße). Es wird dringend empfohlen, eine Nacht in einem der stilvoll renovierten griechischen Steinhäuser zu verbringen: Nach Abreise der Tagesausflügler kehrt eine märchenhafte Stille ein, die den wahren Zauber des Ortes offenbart.













